5 Wochen am Mississippi
mit dem Rad von Minneapolis nach New Orleans

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. . . . . . . abgesehen von einigen kleineren Ausflügen hatte ich in diesem Jahr meine Reisepläne etwas dem Terminplan an unserem Flugplatz untergeordnet . . . . . .

einige formale Termine, und dann die Juniorenmeisterschaften, die trotz der recht schlechten Witterung doch viel Spaß gemacht haben.

aber dann mal wieder etwas per Rad . . . . . . .

      im September ging's immer am Mississippi entlang,

von Minneapolis nach New Orleans      

   


Irgendwie passte diese Tour nicht so ganz in mein gewohntes Schema. Alles war irgendwie anders!

Die ursprünglich geplante große Tour durch den Südwesten Frankreichs mit einem Besuch in Agen, unserer Partnerstadt an der Garonne, passte nicht mehr so recht zu meiner aktuellen Stimmungslage. Ich wollte nur noch weg - schliesslich lag die letzte "richtige" Radtour schon fast ein Jahr zurück! Möglichst weit sollte es gehen - und das alles ohne besondere Vorbereitungen, aber bitte recht bequem. Nicht so improvisieren wie bei der letzten Tour an der Pacific Coast. Aber America sollte es schon sein. Euroschwäche hin - Euroschwäche her!

Was macht man da? In den Erinnerungen kramen, vielleicht fällt mir noch etwas ordentliches ein? Na, ja nicht so ganz. Besser ist da schon mal ein Blick ins Interet. Und was finde ich auf Anhieb? Das Angebot von "America by Bicycle", das Angebot eines Spezialisten für Long-Distance-Rides. Dieser Veranstalter ist mir schon mal vor längerer Zeit aufgefallen. Aber das Angebot schien mir nicht so recht zu meinen Vorstellungen zu passen. Alles Touren für Rennradfahrer. Eine milde Variante: Coast to Coast in 55 Tagen oder doch lieber die "etwas sportlichere" Variante in 33 Tagen? Tagesetappen mehrmals über 100 Meilen!

Na ja, und dann bieten die Leute auch noch die Great Mississippi-River Tour an. Nur 25 Tage und als geeignete Räder werden auch Mountainbikes genannt. Dann kann das doch nicht so schrecklich schnell sein. Vielleicht kann ich da irgendwie mithalten. Und wenn nicht, na ja, einen "Besenwagen" hat man ja auch. Es gibt einen für mich sehr passenden Termin - Im September. Also nicht lange zögern, anfragen ob noch ein Platz verfügbar ist, anmelden und hinfahren!

So bin ich dann Ende August nach Minneapolis geflogen. Mal so 2 Tage zum Eingewöhnen, zum gemächlichen Umschauen. Im Motel lagen dann meine Unterlagen vor. Es war alles bestens vorbereitet. Also eine gute Wahl? Oder doch nicht?

Da gab's dann ordentliche Vorschläge für eine gute Vorbereitung auf diese Tour. Viele Hinweise, wie man sich denn vernünftig auf eine Tour mit einigen Tagesetappen von mehr als 100 Meilen vorbereitet. Jetzt hatte ich aber keine Zeit mehr für solche Trainingseinheiten. Und auch durch meine etwas stärkere Hinwendung zu Segelflugaktivitäten hatte ich in den letzten Monaten mein Fahrrad deutlich weniger benutzt. Na gut, dann muß ich mir halt etwas mehr Zeit für die einzelnen Etappen lassen, vor den anderen Teilnehmern starten und zuletzt ankommen. Schöne Idee, aber wohl nicht praktikabel. Die Hinweise zum vorgesehenen Tourablauf sprechen eine andere, eine deutliche Sprache. Die früheste Abfahrtzeit wird durch den von Begleitteam festgelegten Zeitpunkt für die Verladung des Gepäcks bestimmt und zum abendlichen Briefing, so irgendwann zwischen 5 und 6 Uhr, solten alle Teilnehmer im Hotel sein!

Ich bin nun einmal hier in Minneapolis. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Mal mutig zur Anmeldung gehen. Barbara begrüßt mich recht freundlich und schon vergesse ich das in den letzten zwei Tagen aufgekommene Unbehagen. Aber dann sehe ich all' die Räder der anderen Teilnehmer. Ein recht flott wirkendes Liegerad, dann nur noch Rennräder. Einige ordentlicher Durchschnitt und einige, na ja, für einen vorderen Platz bei der Tour de France würden diese zwar nicht reichen, aber . . . . Titanrahmen, edle Komponenten und dazu Radler in passendem Outfit. Nein, ich bin hier wohl doch in der falschen Veranstaltung. Dann kommen noch zwei weitere Liegeräder (so etwas wie Peer-Gynt von Radius) und dazu passende weniger "Ehrfurcht" einflößende Radler. Sollte es doch gehen?

Vor dem gemeinsamen Abendessen treffen wir uns zum pre-tour-briefing. Mike stellt kurz das Supporting-Team vor: seine Frau Barbara als "gute Seele" der Tour (Verpflegung, Unterkunft, Hilfe aller Art), Mark und er selbst im Wechsel als mitradelnder Tourguide bzw. Mechaniker und Fahrer des zweiten Begleitfahrzeuges. Dann wird der Tourablauf beschrieben, Hinweise zum Streckenverlauf - einige Streckenabschnitte sollen wohl recht haarig sein, entweder Steigungen so um die 15 % oder durch extrem dichten Verkehr, über Freeways und Interstates. Na ja, derartige Streckenabschnitte sollten mich nicht sonderlich überraschen - ähnliches habe ich ja bereits vor einem Jahr an der Pacific-Coast erlebt. Und dann stellen wir uns gegenseitig vor. Mike möchte gerne etwas über die Erwartungen, die bisherigen Erfahrungen, den aktuellen Trainingsstand erfahren. Auch hier gibt sich der größere Teil der Mitradler als durchaus sportlich ambitioniert zu erkennen. Mit der Schilderung meiner bisherigen Radreiseerfahrungen stehe ich recht alleine da, zwar durchaus respektiert - aber irgendwie eine andere, für meine Reisegefährten der nächsten drei Wochen kaum vorstellbare Welt: mit einem Touringbike und viel Gepäck durch die Gegend fahren, ohne große Vorbereitungen, ohne Begleitteam, ohne Begleitfahrzeug.

Beim anschließenden gemeinsamen Abendessen erste Kontake zu einigen der Mitreisenden. Gene. mein Zimmernachbar für die nächsten Wochen, Walter, Anwalt aus Washington D.C. mit seinem sehr speziellen politischen Anliegen (no taxation without representation), Ted, der so nebenbei Geld für eine Leukämiestiftung auftreiben möchte, Sebastian, unser deutschstämmiger Benjamin aus Californien.

Am Samstag geh's dann los. Ich möchte ja nicht gleich am ersten Tag unangenehm auffallen und gehe daher recht früh zur Sache. Ich bin tatsächlich der erste, der mit seinem Rad vor dem Hotel erscheint und werde gleich von einigen Journalisten begrüßt, Aber die suchen eigentlich Walter. Zu Beginn der Tour soll ein großer Bericht in der Washington Post erscheinen. Gut dass ich gestern schon etwas Kontakt zu Walter aufgenommen hatte. So konnte ich den Leuten gleich die richtigen Hinweise geben und auch gleich nach Walter Ausschau halten. Und was geschah dann so zwischendurch? Es darf doch nicht wahr sein! Plattfuß, natürlich am Hinterrad und dann noch ein Defekt am Ventil. Na gut, einen Reserveschlauch habe ich ja und so bin ich dann doch noch rechtzeitig fertig. Jetzt kann es losgehen. Irgendwie müssen wir Minneapolis verlassen, irgendwie dem dichten Großstadtverkehr entkommen. Wir haben Minneapolis noch nicht verlassen und ich habe schon wieder einige Schwierigkeiten, muss erneut zur Luftpumpe greifen. Na ja, und dann geht's bis zum SAG-Stop, zumindest fast - so einige hundert Meter vor dem Treffpunkt fahre ich in einen deftigen Nagel und darf schon wieder den Schlauch wechseln! Wenn das mal so weitergeht! Geht aber nicht! Ich habe wohl mit diesem miesen Auftakt mein Soll an Auffälligkeiten erfüllt. Für heute und die nächsten Tage produzieren meine Mitradler die kleinen Pannen: verfahren, technische Mängel, Verspätungen.

In den nächsten Tagen kann ich mich gut in diesem Feld der Rennradler behaupten und erarbeite mir so nach und nach insbesondere den Respekt von Mike und Mark, unseren beiden Tourguides. Na ja, etwas Spott muss ich mir schon gefallen lassen. So nach dem Motto: "We are biking down the Mississippi, from Minneapolis to New Orleans. Our group consisting of eightteen bikes, three recumbents and one tank."

So ging's dann einige Tage. An vielen Tagen bin ich zumindest zeitweilig mit den schnelleren Teilnehmern gefahren. Fast immer ist es mir gelungen mit dem ersten Drittel am jeweiligen Zielort einzutreffen. Aber etwas anstrengen musste ich mich schon. Viel Zeit für ausgedehnte Besichtigungen, längere Pausen oder viele Fotostopps konnte ich mir dabei nicht erlauben. Und so nach einigen Tagen bekam ich so einige Schwierigkeiten, unangenehme Schmerzen im Bereich des rechten Fußgelenks. Zuerst nur beim laufen und dann . . . . auch beim Radfahren. Bei unserer Etappe nach Louisiana musste ich die Fahrt bereits beim ersten SAG-Stopp abbrechen . . . . und etwa 60 km im Begleitwagen fahren. Mit einer geballten Ladung irgendeiner schmerzhemmenden "Sportsalbe" und reichlich Eispackungen nach jeder Tagesetappe konte ich die Entzündung wieder recht schnell unter Kontrolle bekommen.

Im weiteren Verlauf der Tour musste ich nicht mehr auf den Begleitwagen zurückgreifen, abgesehen von zwei Transferstrecken, die auf dringenden Wunsch von Mike von nahezu allen Teilnehmern im Begleitwagen absolviert wurden.

Die Great Mississippi River Road ist eine der großen Touristikstraßen der USA. Aber leider ist es keine ausschließlich dem Tourismus vorbehaltene Straße. So weit möglich wurden Straßen mit geringerer Verkehrsbelastung ausgewählt und wenn's nicht anders geht, muß man auch mal auf eine Interstate ausweichen. Das gilt auch für Radfahrer. An einem Freeway (Autobahn) habe ich mal ein Hinweiszeichen mit Verboten für eine ganze Reihe verschiedener Verkehrsmittel gesehen. Nur für Radfahrer war ausdrücklich eine Ausnahme gemacht. Aber wahrscheinlich gab es in dieser Region auch keine Alternative. Etwas gewöhnungsbedürftig ist diese Art des Radreisens schon.

Große Gebiete beiderseits des Mississippi standen einst unter französischem Einfluss. An vielen Ortsnamen ist das noch heute nachvollziehbar. Mit dem St, Louis-Purchase hatte Napoleon diese Gebiete an die USA verkauft. Mit dieser Erweiterung der jungen USA wurde die Unterwerfung der Indianer, wurde die Erschliessung des Westens forciert. Von hier aus starteten die großen Clark and Lewis-Expeditionen zur Erkundung des Westens.

In St. Louis hat man mit dem Arch-Monument dieser Pionierzeit ein imposantes Denkmal gesetzt.

Weiter südlich kommen wir in die Region der großen Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen. Neben den noch verbliebenen feudalen Villen der ehemaligen Plantagenbesitzer ist nicht mehr viel von der alten Südstaatenherrlichkeit verblieben. Aber mir geht die Frage nicht aus dem Sinn, wie denn damals die bedauernswerten Sklaven auf den Plantagen gelebt haben.

In Memphis werden wir dann deutlich daran erinnert, dass die Gleichberechtigung der verschiedenen Rassen in den USA noch nicht sehr lange zurückliegt. Noch in den sechziger Jahren mussten die Farbigen für ihre Bürgerrechte auf die Straße gehen. Und während einer großen Bürgerrechtsdemonstration wurde hier in Memphis der Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet.

Der Mississippi ist nicht nur der längste Fluss der Erde, er ist so etwas we die Seele Amerikas. Hier haben sich Dinge der amerikanischen Geschichte abgespielt, um nur einige zu nennen:
  • Öffnung des Landes nach Westen
  • die unglücksseelige Vertreibung der Indianer (Trail of Tears)
  • die unrühmliche Geschichte der Sklaverei
  • die Entscheidung des Bürgerkrieges
  • die Ermordung Dr. Martin Luther King

Die gesamte Strecke hat 2.861 km betragen und wurde in 23 Etappen gefahren, zusätzlich einige wenige Ruhetage unterwegs. Gemessen an meinen sonst üblichen "gemütlichen" Radreisen war das schon eine gewisse Herausforderung. Und irgendwie hat es trotz aller Anstrengungen riesigen Spass gemacht! Vielleicht mache ich ja noch einmal eine Tour mit diesen "verrückten" Rennradlern!

Einige Anmerkungen zur Tour aus der Sicht eines Mitreisenden



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