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4000 km durch den Nordwesten der USA . . . . .
                       . . . . . . . von Seattle nach Minneapolis


 
"Wenn ich jetzt noch trocken und unbehelligt von den Nebenwirkungen eines "severe thunderstorm", eines "microburst" oder gar eines "ausgewachsenen" Tornados nach Minneapolis komme, habe ich die Radtour mit etwas Wetterbeobachtung und einer gehörigen Portion Glück gut über die Runden gebracht."

Mit solchen Gedanken kann ich mich noch soeben vor einem Gewitter, dass wenig später als heftiges Unwetterband nur 2 Meilen östlich von meinem heutigen Etappenziel Lindstrom vorbei ziehen wird, in ein kleines Motel retten.

Ich habe von meinem Zimmer einen schönen Ausblick auf den vom Sturm aufgepeitschten See. Die letzte halbe Stunde vor dem aufziehenden Gewitter hat mich recht zerzaust. Jetzt wäre eine gemütliche kleine Kaffeepause genau richtig. Aber daraus wird erst einmal nichts. Über den Weather-Channel wird alle paar Minuten mit lautem Alarmton eine dringende Tornadowarnung verbeitet. Die Zugbahn soll nur so etwa 2 Meilen an Lindstrom vorbeiziehen. Na ja, ob diese Zugkorridore so genau vorausgesagt werden? Ich weiß es nicht. Dann klopft auch schon der Vermieter an die Türe und meint, ich solle alsbald in den Schutzraum kommen. Ich zögere noch etwas. Aber dann haben wir hier in Lindstrom Gewissheit. Das Unwetterband zieht eindeutlich östlich vorbei. Zwar nur in geringem Abstand - aber eindeutich vorbei und nicht durch den Ort!! Ich kann mir also doch bei einer Tasse Kaffee den aufgepeitschten See anschauen und muss nicht in einen Schutzraum flüchten.

Vor knapp 2 Monaten hat die Reise mit dem Flug von Düsseldorf nach Seattle begonnen. Nach einem etwas holprigen Start in Düsseldorf - kurz vor dem planmäßigen Abflug wurde wegen technischer Probleme der Flug storniert. Und am Flughafen hat man es nicht zustande gebracht, die vor dem Abfluggate wartenden Passagierte ordentlich zu informieren. Aber irgendwie ging es dann weiter. Zunächst auf den nächsten Flug, jetzt zusätzlich über London, umbuchen. Das Gepäck wieder einsammeln und neu aufgeben. Dann In London mittleres Chaos infolge eines Computerausfalles. Nach einem weiteren Stopp in Chicago mit Abwicklung der Einreiseformalitäten bin ich dann mit einigen Stunden Verspätung so gegen Mitternacht in Seattle angekommen.

Ursprünglich sollte es ja eine Tour vom Pacific bis an den Atlantic, von Seattle in Washington bis Bar Harbor in Maine, werden. Für die gesamte Strecke hätte ich bei meiner üblichen Fahrweise, mit verschiedenen Unterbrechungen an landschaftlich reizvollen Stellen oder durch ungünstige Wetterlagen erzwungene Pausen, einigen Tagen zur Einstimmung am Start und einigen Tagen zum Ausklang am Ende der Tour wohl etwas mehr als die normale Visa-Laufzeit von 90 Tagen benötigt. Den Plan, mit einem kurzen Abstecher hinein nach Kanada und anschließende erneute Einreise in die USA die 90-Tage-Frist zu verlängern hat sich bei genauer Prüfung der einschlägigen Vorschriften alsbald als recht blauäugig und daher unrealistisch erwiesen. Na ja, dann verkürze ich halt diesen Trip und fahre nur bis Minneapolis. Den "Rest" kann ich ja irgendwann später mit einem Besuch der großen Seen verbinden.

Am nächsten Morgen nach der Ankunft ist es in Seattle recht kühl und feucht. Für einen Bummel über den Pike-Market reicht es. Aber wenn die WItterung so bleiben sollte, wird's doch ein recht kühler Start. Und dann muß ich auch noch über die Cascade Range und die Rockies. Ob da noch Schnee liegt? Vielleicht hätte ich doch etwas mehr dickere Kleidung mitnehmen sollen. Oder? Schon der nächste Tag bringt jedoch die Wende: strahlend blauer Himmel und angenehme sommerliche Termperaturen. Na ja, dann kann ich wohl doch mit der mitgebrachten Ausrüstung unbesorgt die Tour angehen. Heute nutze ich den schönenTag für eine Rundfahrt durch die "schöneren" Wohngebiete Seattles mit den herrlichen Aussichten auf den Puget Sound und die schneebedeckten Vulkane im Umland.

Das wunderbare Wetter und die herrliche Aussicht über den Puget Sound haben ihre Wirkung. Vor Beginn der eigentlichen Radtour will ich nun doch mit der Fähre nach Friday Harbor auf Juan Island fahren und von dort zum "Whale-Watching" gehen. Ich habe Glück. Es befindet sich eine große Gruppe Orcas im Sound. Die Tiere ziehen offenkundig unbekümmert ihre Bahnen, lassen sich von den Booten, von den Fähren, von den Besuchern nicht stören.

Am nächsten Tag geht es mit der Fähre von Friday Harbor nach Anacortes, zum eigentlichen Startpunkt der Tour. Hier muss ich zunächst einmal über recht stark befahrene Straßen aus dem Einzugsgebiet der Interstate 5, der Verbindungsroute zwischen den Ballungsräumen Vancouver und Seattle, hinauskommen. Aber so kurz vor dem kleinen Ort Bay View, meinem ersten Etappenziel, kann ich auf schöne, ruhige Nebenstraßen ausweichen.

Mit einem schönen Blick auf den Mount Baker geht es langsam aber stetig aufwärts in Richtung North Cascade National Park. Über Rockport und Newhalem folge ich dem Skagit River in Richtung Washington Pass.

Am Washington Pass war ich genau zur rechten Zeit. Mit 97° F war es zwar recht „warm“, aber der Pass und die ganze Umgebung zeigte sich in voller Schönheit. Gut, die Ranger Station am Rainy Pass und am Washington Pass waren noch reichlich mit Schnee eingedeckt und daher noch nicht geöffnet. So waren auch die Versorgungsmöglichkeiten mit Trinkwasser verschlossen, obwohl man mir in Nehalem noch ein Merkblatt für Radler ausgehändigt wurde, dass ausdrücklich auf diese Stellen zur Trinkwasserversorgung hinwies!

Die Abfahrt vom Washington Pass hinunter bis nach Winthrop war ein absoluter Genuss. Meine knappen Proviantvorräte haben mir wenig Spielraum gelassen, auf einem der schönen Naturcampingplätze Station zu machen. So bin ich dann gleich bis nach Winthrop durchgefahren. Hier hat man vor längerer Zeit dem kleinen Ort ein neues Outfit verpasst: der ganze Ort wurde auf "Wildwest Romantik" getrimmt. Dazu reichlich und einladende gastronomische Infrastruktur, Country-Music und Western Festivals. Rundum eine recht attraktive Mischung, die viele Gäste aus nah und fern anzieht. Leider sind die Preise entsprechend! Direkt im Ort war keine Unterkunft unter 80 $ zu erhalten. Soviel wollte ich heute nicht ausgeben. Aber als Radfahrer ist man ja durchaus flexibel. Etwas außerhalb des Ortszentrums bin ich dann für 40 $ in einem schön renovierten alten "Tradingpost" untergekommen.

Heute war es sehr warm, über Nacht hat es kaum abgekühlt und am nächsten Morgen war es auch kaum anders. Schon gleich nach dem Frühstück auf der Terrasse eines netten Café's am Methew River brennt mir wieder die Sonne auf den "Pelz". Die Temperatur bewegt sich heute schnell auf gut 100 ° F zu. Bei diesen Bedingungen verspüre ich keine Lust zu einer ausgedehnten Etappe. Ich entschließe mich daher bereits in Twisp nach nur knapp 30 km Station zu machen. Dann kommen nur noch ein paar Kilometer in die nähere Umgebung. Und das war's dann.

Nachmittags mache ich dann noch einen Besuch in der Einsatzstelle der "Smoke Jumpers" auf dem nahen Flugplatz. Das ist eine Fallschirmjägertruppe, die zur Bekämpfung von Waldbränden in schwer zugänglichen Gebieten eingesetzt wird. Diese Idee wurde in den 30er-Jahren aus Russland übernommen und über eine lange Zeitspanne mit sehr guten Erfolgen eingesetzt.

Über den Lou Lou Pass geht's dann weiter. HIer hat mich ein heftiges Gewitter mit "ordentlichem" Hagel überrascht. Aber da konnte ich in dem weit und breit einzigen Gebäude, einem kleinen indianischen Shop, Unterschlupf finden und warten bis ich bei wieder erträglichen Bedingungen die Etappe fortsetzen konnte. Auf der Abfahrt wurde es dann mal zur Abwechselung richtig und unangenehm kalt.

Mit dem Wauconda und Sherman Pass folgen gleich zwei weitere Anstiege mit herrlichen Panoramablicken. Auch heute gehen wieder heftige Gewitter nieder. Zum Glück komme ich jedoch trocken bis nach Colville. Hier muss es kurz vor meiner Ankunft ein richtiges Unwetter gegeben haben. Viele Straßen sind überflutet. Aber schon am nächsten Tag herrscht wieder ideales Sommerwetter. Strahlend blauer Himmel und Temperaturen so irgendwo um 30° Celsius. Die nächsten circa 30 km sind eine einzige Baustelle, die stellenweise nur recht mühsam zu befahren und außerdem halbseitig gesperrt ist. Der Verkehr wird wechselweise mit einem "Marshaller-Fahrzeug" durch die Baustelle geleitet. Bei der zweiten, jetzt recht langen Engstelle, bietet man mir an, mich mitsamt Fahrrad mit dem "Marshaller-Fahrzeug" bis zum Ende der Baustelle und damit bis an den höchsten Punkt der heutigen Etappe, mitzunehmen. Man macht mir die Durchfahrt durch die Baustelle damit recht leicht und gleichzeitig verhindert man einen zusätzlichen Rückstau für die gleichzeitig mit mir an der Ampel wartenden Kraftfahrer.

Von Ione an folgt nun eine längere nahezu ebene Strecke. Entlang des malerischen Pend Oreille River rolle ich nach Sandpoint am Pond Oreille Lake im nördlichen Idaho. Es geht dann weiter über eine schöne Straße mit ständigem Blick auf den Pend Oreille Lake. In dem malerisch gelegenen "Beyond Hope Resort" schlage ich mein Zelt auf. Ursprünglich wollte ich auf dem gleich nebenan gelegenen Campingplatz der Forstverwaltung übernachten. Aber da haben mich riesige Warnschilder einem vor seit einiger Zeit in diesem Camp aktiven Bären etwas abgeschreckt, zumal ich keine verschließbaren "bärensicheren" Schränke oder ersatzweise entsprechende Sicherungsleinen vorgefunden habe. Und direkt in mein Zelt wollte ich diesen Bären nun auch wieder nicht! Vielleicht war es eine irgendwie übertriebene Vorsicht? Ich habe ich dann doch im "Beyond Hope Resort" mit dem dort in großer Zahl anwesenden recht neugierig-zutraulichen Rotwildbeständen deutlicher wohler gefühlt!

Weiter geht es durch den Cabinet Gorge, vorbei am Libby Dam. Dann folgt das riesige Reservoir des Lake Kococanusa. Das ist eine riesige Staustufe die sich bis weit nach Kanada hinein ausdehnt. Durch abwechslungsreiche Landschaft führt mich die Route für annähernd 80 km immr den See entlang bis nach Eureka. Eureka ist eine kleine Provinzstadt mit einem kleinen, jedoch recht interessanten "Pioneer-Museum". Hier kann man leicht das einfache Leben der Anfangsjahre der weißen Siedler nachempfinden. Hier hat man sich insbesondere auf durchreisende Fahrradtouristen eingestellt und im kleinen Stadtpark einfache Campinggelegenheiten zu einem mehr symbolischen Preis eingerichtet. Den Schlüssel zu den Sanitäreinrichtungen im Feuerwehrgebäude muss man sich "einen Block um die Ecke" beim lokalen Sheriff abholen , was dann gleichzeitig irgendwie ein gewisses Sicherheitsgefühl vermittelt.

Jetzt ist der Glacier National Park nicht mehr weit. Es wird daher Zeit, sich halbwegs verlässliche Informationen über den Straßenzustand einzuholen. Der freundliche Boss der freiwilligen Feuerwehr lädt mich nicht nur auf ein Bier aus dem Bestand der Feuerwehr ein sondern hat auch einige gute Ratschläge für die weitere Strecke. Dann frage ich noch im lokalen Fahrradgeschäft nach. Und wie es aussieht, soll wohl in ein oder zwei Tagen der Logan Pass geöffnet werden. Auch die Straßen östlich des Passes sollten gut befahbar sein. Aber so ganz genau wusste man es jedoch auch nicht.

Die nächste Etappe führte mich dann nach Whitefish, eine etwas größere Stadt mit etwa 4500 Einwohnern. Whitefish liegt an einem schönen See. Nur wenige Kilometer nördlich liegt die Wintersport- undf Mountain Bike-station "Big Mountain". Wegen des starken Autoverkehrs führt die Route ab Columbia Falls bis kurz vor West Glacier über eine wenig befahrene und landschaftlich sehr reizvolle Gravelroad.

Meine Ankunft im Glacier National Park war auch genau richtig. Der Pass war zwar noch geschlossen – aber mit dem Rad durfte man schon recht weit hinauf fahren. Und das alles ohne die sonst für Radfahrer üblichen zeitlichen Beschränkungen und ganz ohne Autos!

Am nächsten Tag wurde der Pass zwar geöffnet, aber das Wetter hatte sich über Nacht wieder verschlechtert, niedrige Wolkenbasis, geringe Sichten, Regen. Ich bin dann die Alternativroute über den Marias Pass gefahren. Wegen der schlechten Witterung habe ich die Distanz bis East Glacier in zwei Etappen aufgeteilt. Und in East Glacier wurde ich mit grandiosen Aussichten auf die Gletscherwelt belohnt.

Durch die Sperrung einer durch die jüngsten Regen- und Schneefälle unpassierbar gewordenen Straße habe ich auf den Schlenker in den „International Peace Park“ in Kanada verzichten müssen. Aber das wurde deutlich überkompensiert: Die Etappe von East Glacier bis Cutbank verlief wie im Rausch oder, besser gesagt, wie im Flug. Ein extremer Rückenwind und das ohnehin nach Cutbank fallende Gelände haben mich quasi über die ganze Distanz hinweg geblasen. Nur an den einzelnen kleinen Anstiegen habe ich mit etwas „in die Pedale treten“ nachgeholfen. Vermutlich wäre auch das noch verzichtbar gewesen. Die Erklärung hierzu konnte ich am nächsten Tag in der Zeitung lesen: ein äußerst heftiger Sturm ist über die Rockies gefegt. Schnee im Glacier National Park, heftige Windschäden in vielen Orten, Überschwemmungen in Great Falls.

Auf dem Camp am Cutbank River hatte ich wegen des extremen Windes um die Standfestigkeit meines Zeltes fürchten müssen. Aber hier wurde mir gleich mehrfach "Shelter" angeboten für den Fall, dass der Wind noch stärker wird. Besonders freundlich war die Einladung eines kanadischen Ehepaares, die mir für den "Fall der Fälle" Asyl in ihrem riesigen Wohnmobil angeboten hatten. Und damit ich das Angebot auch richtig ernst nehme, wurde noch eine Einladung zu einem ausgiebigen Abendessen hinzugefügt. Aber das Wetter wurde nicht schlechter. Außerdem hatte mir der Camp-Betreiber eine besonders windgeschützte Stelle zugewiesen.

Ab Cutbank geht's in Richtung Osten in die unendlichen Weiten Montanas, zunächst die "northern high plains" die dann nahtnlos übergehen in die "Grand Plains" und später in North Dakots durch die Prairie abgelöst werden. Die Straßen ziehen sich meilenlang mehr oder weniger gerade duch die Landschaft. Rechts und links der Strecke riesige Getreidefelder, meistens Weizen.

Parallel zum Highway US 2 verläuft die Eisenbahnstrecke von Chicago nach Seattle. Mit dieser Eisenbahnlinie wurde diese Region, der mittlere und ferne Westen, für die weißen Siedler erschlossen. Zuerst wurde die Bahnlinie gebaut, dann kamen die Menschen. Entlang der Bahnlinie sind die kleinen Ortschaften aufgereit. Immer deutlich schon aus großer Entfernung zu erkennen sind die zentralen Getreidesilos, die Verladestationen, die "Grain Elevators".

Wenn man bei uns durch bäuerliche Landschaften radelt, wird man wohl zunächst die Kirchtürme sehen, hier sind es die "Grain Elevators".

In dem Indianer Reservat "Fort Peck" stoße ich unweit des Missouri auf die nördliche Route der Lewis und Clark Expedition von 1804 und 1806. Für mehrere Tage verbleibe ich auf den Spuren dieses seinerzeit von Thomas Jefferson eingesetzten Expeditionscorps zur Erkundung der mit dem "Louisiana Purchase" von Napoleon erworbenen Gebiete westlich des Mississippi. Trotz der großen Weite dieser Region, der stets wiederkehrenden Getreidefelder, hat diese Gegend ihren eigenen, ihren besonderen Charme. Nur leider tummeln sich in allen Wasserlöchern Myriaden von Moskitos. Man kann kaum irgendwo auch nur wenige Sekunden stehen bleiben, ohne dass man von diesen Plagegeistern überfallen wird. Und zu allem Überfluss breitet sich jetzt auch in Montana das "West Nile Virus" aus. Dieses Virus wird durch die Moskitos übertragen und kann auch bei Menschen üble Gehirnhautentzündungen verursachen.

Der einst wilde und kaum berechenenbare Missouri wurde in Zeiten des "New Deal" unter Präsident Roosewelt durch mehrere Staustufen reguliert. Durch diese Staustufen wurde riesige Seen geschaffen. Neben dem ursprünglichen Zweck der Regulierung der Wasserstände zur Eindämmung der großen Überflutungen und der Energiegewinnung bieten diese Staustufen heute auch einen unschätzbaren Freizeitwert. An der Staustufe Fort Peck mache ich für einen Tag auf dem vorzüglichen Campingplatz Station. Dann nehme ich die Gelegenheit war, in Wolf Point ein Rodeo, die "Wolf Point Wild Horse Stampede" zu besuchen. Das ist zwar nicht die größte Rodeo-Veranstaltung in den Staaten, aber die mit der längsten Tradition in Montana.

Die Route führt dann weiter nach Minot in North Dakota. In dieser Region haben sich sehr viele Einwanderer aus Skandinavien angesiedelt. Diese Leute halten noch heute ihre Traditionen hoch. Besonders deutlich kann das im "Scadinavian Heritqage Park" in der Stadtmitte von Minot beobachtet werden. Hier kann man Wahrzeichen aus allen skandinavischen Staatten sehen. Besonders auffallend ist der orignalgetreue Nachbau einer norwegischen Stabkirche. Zu dem alljährlich stattfinden "Scandinavian Festival" werden regelmäßig große Besucherzahlen aus vielenTeilen der USA und aus Skandinavien erwartet.

Östlich von Minot ändert sich das Landschaftsbild. Für eine größere Distanz radle ich nun durch die hier recht hügelige Präirie. Der Straßenverlauf ist nicht mehr einfach geradeaus, sondern folgt in sanften Schwüngen dem Geländeprofil mit häufig recht schönen Aussichtspunkten. Auch diese Region ist von der Landwirtschaft geprägt. Neben dem Getreideanbau - und hier vorzugsweise Weizen - findet man großflächigen Gemüseanbau. Alle Arten von Hülsenfrüchten wie Erbsen und Bohnen, Soja und Mais. Die Produkte werden zum großen Teil exportiert. Während meiner Reise hat der Gouverneur von North Dakota eine in den USA recht umstrittene Promotiontour durch Kuba gemacht. Man erhofft sich hier in North Dakota durch diese Reise einen besseren Zugang zu dem wachsenden Markt in Kuba.

In Fargo-Moorhead komme ich mal wieder zu einer recht ungünstigen Zeit an. In 6 oder 7 Motels frage ich vergeblich nach einer Unterkunft bis man mir letztlich erklärt, dass es heute und in den nächsten Tagen in Fargo und Umgebung kein freies Zimmer mehr geben wird. Hier werden die US-amerikanischen Ringermeisterschaften ausgetragen. Daher sind schon seit Wochen alle verfügbaren Unterkünfte ausgebucht. Es ist schon reichlich spät. Ich kann daher nicht mehr bis zur nächsten Ortschaft mit einem Motel, so irgendwo im Umkreis von etwa 50 km, radeln. Es bleibt also mal wieder nur die "Flucht" auf einen Campingplatz.

Auf dem Weg zu einem von mir ausgewählten Campingplatz irgendwo an einer Ausfallstraße am Ortsrand hält neben mir plötzlich ein Autofahrer, fragt nach meinen Planungen und schlägt mir dann vor, doch lieber zum Camp im Stadtpark zu fahren um die rfecht verkehrsreiche Ausfallstraße zu vermeiden. Und damit ich den Weg auch ohne weitere Verzögrung finde und mein Zelt noch vor Einbruch der Dunkelheit aufbauen kann, lotst er mich dann auch noch durch die Stadt bis zu einem recht versteckt liegenden Zugang zu diesem sehr schön gelegenen und großzügig ausgestatteten Park. Hier kampieren auch recht viele Teilnehmer der Ringerwettkämpfe. Aber ich habe Glück und kann noch einen der letzten zwei freien Plätze beziehen. Die schöne Lage des Platzes wird durch die leider auch hier in großer Zahl anwesenden Moskitos beeinträchtigt. Aber irgendwie muß ich mich halt darauf einlassen. Nach zwei Tagen geht dann meine Reise weiter in den Bundesstaat Minnesota.

Auch dieser Bundesstaat ist von großflächiger Landwirtschaft geprägt. Aber im Gegensatz zu Montana und North Dakota waren die heutigen landwirtschaftlichen Flächen in Minnesota früher stark bewaldet. Eine größere zusammenhängende Waldfläche kann man nur noch im Itasca Nationalpark, rund um das Quellgebiet des Mississippi, finden. Aber leider ist auch der Oberlauf des Mississippi sehr stark von Mosquitos bevölkert. Trotz recht umfangreicher Bekämpfungsprogramme wird daher der Genuss dieser schönen Landschaften erheblich beeinträchtigt - es sei denn, man hat ständig ein wirksames Mückenspray zur Hand.

Nach Verlassen des Itasca Nationalparks geht's dann weiter entlang des Mississippi. Mit einem kurzen Schlenker durch Wisconsin führt die Route dann über einen schönen Radweg von Stillwater nach Minneapolis, dem Ziel dieser Tour.


Was war das nun, diese Radtour von Seattle nach Minneapolis?

Nur eine physische Herausforderung, nur Durchhaltevermögen in den unendlichen Weiten Montanas?

Ich denke nicht. Es war eine rund herum gelungene Tour durch einen landschaftlich und historisch interessanten Teil der USA.

Gewiss, die landschaftlichen Höhepunkte dieser Route liegen zweifelsfrei in dem relativ kurzen Abschnitt in den Northern Cascades, Im Glacier National Park und im Itasca National Park. Aber auch die schier unendlichen Weiten der Northern High Plains in Montana und später die Prairie in North Dakota haben ihren Reiz. Und um das "richtige" Gefühl für die Dimensionen zu bekommen, für eine längere Zeitspanne zu erhalten, sollte man eine derartige Landschaft komplett mit dem Rad "erfahren". Kein Ausweichen, kein Abdriften auf die über weite Strecken verführerisch nahe Amtrak-Linie Seattle-Chicago oder die Flucht in den Leihwagen!

Was die Aussage "the farmers are very weather sensible" bedeutet, kann man nur so richtig verstehen, wenn man mit dem Fahrrad und der Option im Zelt zu schlafen unterwegs ist. Kann ich heute eine bestimmte Distanz fahren? Wann sollte ich wegen hoher Temperaturen die Etappe beenden? Kann ich das Zelt aufbauen oder ist es ratsam oder gar erforderlich, ein Motel aufzusuchen? Strong winds, severe thunderstorms und large hail, das sind so die Standardbeschreibungen im Wetterdienst. Und manchmal kommt es "knüppeldick": Heat warning, storm warning, flood watch, tornado watch und noch etwas ernster Tornadowarnungen mit all den guten Ratschlägen, die man so unterwegs mit dem Rad in dieser dünn besiedelten Gegend nur äußerst notdürftig befolgen kann.

Während dieser Tour wurden zweimal "haarscharf" an meinen jeweiligen Aufenthaltsorten Tornados gemeldet. Gut, es kam nicht ganz so schlimm, wie in den Warnungen als möglich bezeichnet. Aber ob es nun ein ausgewachsener Tornado oder nur ein lokal sehr begrenzter "microburst" war, ist letztlich unbedeutend, wenn man von dem Ereignis betroffen ist. Aber wie gesagt, ich hatte Glück. Diese Ereignisse haben jeweils abseits meiner aktuellen Aufenthaltsorte, einmal 10 Meilen, einmal 2 Meilen, stattgefunden. Auch die besonders heftigen Gewitter mit extremen Wind und Hagel habe ich zum Glück immer "verpasst". Solche Ereignisse waren während meiner Tour entweder einige Tage vor oder einige Tage nach meiner jeweiligen Ankunft in einem betroffenen Gebiet!

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